Gesundheitsakte-2008: Der gläsernde Mensch mit besserer Behandlung? Oder gar keine mehr, weil es sich nicht rechnet.

Die Autoren Jürgen Malzahn und Dr. Christoph Stosch haben mit “Diagnose Ärztemangel” ein wichtiges komplexes Thema aufgegriffen. Ihre Frage: waren die Arbeitsbedingungen früher ( während der Ärzteschwemme) besser als heute, kann ich nur mit einem eindeutigen Ja beantworten. Dabei beziehe ich mich auf den Zeitraum von 1970 bis Anfang der 90er Jahre.
Was den Arztberuf zunehmend unattraktiv macht und unsere Berufskultur deutlich sinken lässt, ist die ganz erhebliche Störung der Arzt-Patienten Beziehung durch Änderungen des “Menschenbildes” unter dem Einfluss einer neoliberalen Ideologie. Gefragt ist statt des “Arztes” der “homo öconomicus”, der als “Leistungserbringer” dem Kunden “Krankheitsträger” gegenüber steht. Entscheidend ist nicht nur der jeweilige “Marktwert” von Arzt, Patient und vor allem dessen Krankheit (DRG), sondern auch psychosoziales “Rating”, das größere Teile unserer Bevölkerung zu “human trash” erklärt. In dieser neuen schönen Welt der Ökonomen hat eine vertrauensvolle engagierte Arzt-Patienten Beziehung keinen Platz, nein, sie stört nur. Was uns älteren Ärzte an Ethik- und Patientenzuwendung vorbildlich erschien, ist heute ganz offensichtlich schädlich. Es ist diese Enthumanisierung, die den den Arztberuf heute so freudlos macht.
Glücklicherweise haben dies noch nicht alle KollegInnen gemerkt und es gibt immer noch Inseln “heiler Welt”. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, wann angesichts von MDK, DRG, QM, Leitlinien, Prüfungsausschüsse, eCard und vielen weiteren schönen Projekten unser Beruf ganz von Ökonomen übernommen werden kann.

Liebe Mitstreiter, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt wird in diesen
Tagen Europas ehrgeizigstes neoliberales Großprojekt, die elektronische Totalvernetzung des deutschen Gesundheitswesens, realisiert und dies trotz eines breiten Widerstandes. Ärzte, Krankenhäuser, Pflegedienste, Apotheken und Krankenkassen sollen mittels Datenautobahn vernetzt und für jeden Mitbürger eine elektronische Patientenakte angelegt werden. Der zentrale Schlüssel zu dieser schönen neuen Welt der Medizin ist die sogenannte elektronische Gesundheitskarte. Sie soll ab April 2008 die Krankenversichertenkarte ersetzen. Das Neue an dieser Gesundheitskarte ist ein integrierter Mikrochip, der zukünftig den Zugriff auf das zentrale Datennetz eröffnet. Neben den üblichen Stammdaten soll dort langfristig die gesamte Patientenakte inklusive Röntgenbilder, Op-Berichte etc. elektronisch abgespeichert werden. Behauptet wird, dieses Großprojekt mache das Gesundheitssystem “für alle Beteiligten transparenter, es ebne den Weg für mehr Qualität, mehr Sicherheit und mehr Effizienz im Gesundheitswesen”. Das schreibt Ulla Schmidt in einer Werbebroschüre zur Gesundheitskarte. Dass sich der Deutsche Ärztetag 2007 mit eindeutiger Mehrheit gegen die elektronische Gesundheitskarte ausgesprochen hat, interessiert Frau Schmidt ebenso wenig wie ja ihre knallharte gefühl- und teilnahmslose Politik gegenüber kranken Mitbürgern, Ärzten und anderen am Gesundheitswesen Beteiligte schon bisher ihr Programm war. Hier können neoliberalen Ideologen mit ihren kommerziellen Interessen an der Ausbeutung von Kranken und Krankheit erkennbar große Erfolge feiern. Dies gilt vor allem für das milliardenschwere profitträchtige Geschäft der Gematik und den am Projekt beteiligten Firmen wie SAP, IBM Deutschland, ORGA, für den Patientenaktenspezialisten Intercomponent wäre sowie das Frauenhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation – das Hauptmotiv wird stets verschwiegen.
Die große Mehrzahl der Ärztinnen und Ärzte sehen in diesem Streben nach absoluter Transparenz eine schwere Gefahr für die Arzt-
Patientenbeziehung. Darunter versteht man jene vertrauensvolle und nach außen geschützte Beziehung zwischen Arzt und Patient, die es dem Patienten überhaupt erst ermöglicht, sich gegenüber seinem Arzt oder seiner Ärztin zu öffnen und sich beraten bzw. behandeln zu lassen. Die Arzt-Patientenbeziehung ist durch Nähe und Würde gekennzeichnet und dies ist die Grundlage, auf der Heilung möglich wird. Das persönliche Gespräch über die eigene körperliche und psychische Befindlichkeit gehört zu jenen Aspekten unserer Individualität, die wir sonst nur im im engsten Familienkreis oder gegenüber unserem Partner oder unserer Partnerin offenbaren. Dies steht in deutlichem Widerspruch zu einer digital aufgezwungenen Transparenz, die auch die ärztliche Schweigepflicht beseitigt. Bisher wusste der Patient seine Krankengeschichte beim persönlich vertrauten Arzt, im Aktenschrank der ärztlichen Praxis sicher aufbewahrt. Zukünftig ist sie einer nicht überblickbare Zahl von Krankenkassenmitarbeitern und IT-Spezialisten zugänglich.

Der Besuch in einer Praxis beginnt zukünftig damit, dass der Patient seine Karte in ein Lesegerät steckt und seine PIN-Nummer eingibt, damit der Arzt seine Daten von einem zentralen Rechner abrufen kann. Der Mensch verschwindet hinter einem Vorhang von Daten. Ärzte werden zukünftig einen Großteil ihrer Tätigkeit damit verbringen, Daten einzugeben; Bildschirm und Tastatur ersetzen den direkten Kontakt mit dem kranken Mitmenschen.
Auf internationale Ebene arbeitet die Bundesregierung im Rahmen ihres
neoliberalen Konzepts “Globalisierung” an einer zunehmenden
Kommerzialisierung öffentlicher Dienstleistungen. Die Einführung der
e-card ist besonders schlimmes Beispiel für ideologische Verblendung -
wirklich eine tolle Kreation unserer neoliberalen “Freunde”.

ANMERKUNGEN zu Qualitätssicherung und -Management.
1. Qualitätssicherung- und Management bezieht sich auf umfassende
“positive” Dokumentationsarbeit – nicht auf wirkliche Verbesserungen in der Behandlung kranker Mitbürger oder auf bessere Organisation von Praxen und Krankenhäusern im Sinne des Patientenwohls. Manches an den vorgegebenen Zielen und Planungen, insbesondere der irre Wortschwall erinnert an den doch vergangenen realen Sozialismus der DDR und seine Planwirtschaft.
2. Auffällig dabei ist: Es werden nur Erfolge berichtet, Misserfolge gibt
es nicht. Dabei könnte man gerade aus Fehlern viel lernen.
3. Qualitätsprobleme auf wichtigen, aber schwierigen Gebieten werden
gar nicht erst berücksichtigt wie soziale Ungleichheit, Armut,
Vernachlässigung, Suchtproblematik und v.a.m.